Kandidaten - Mamedyarov schließt auf
Die sechste Runde des Kandidatenturniers in Berlin bringt wieder zwei Siege. Aronian und Kramnik leiden sichtlich unter den Nachwirkungen ihrer verpassten Chancen und verlieren erneut. Großer Nutznießer ist Shakhriyar Mamedyarov. Er spielt bisher ein solides Turnier, teilt seine Kräfte gut ein und nutzt seine Chancen. Genau so ist seine gestrige Partie gegen Kramnik verlaufen. Mamedyarov holt gegen Kramniks Semi-Tarrasch Verteidigung nichts aus der Eröffnung und wäre einem raschen Remisschluss wohl nicht abgeneigt gewesen. Doch Kramnik verfolgt eine andere Turnierstrategie. Er kämpft nach dem Vorbild von Carlsen in jeder Partie bis zum blanken König. Diesmal überzieht er aber seine Stellung, Mamedyarov nutzt die Chance, gewinnt seine zweite Partie und schließt zu Caruana auf. Zweiter Sieger des Tages ist Wesley So. Der Amerikaner zeigt sich gegen Aronian bestens vorbereitet, spielt eine starke Partie und kann nach seinen zwei Auftaktniederlagen erstmals voll anschreiben und die rote Laterne Karjakin überlassen. Dieser kommt gegen Ding Liren zu einer raschen Punkteteilung. Der Chinese opfert zwei Bauern und forciert damit eine Zugwiederholung. Spannend verläuft wieder die Partie von Alexander Grischuk. Der Russe wählt gegen Caruana erneut die Benoni Verteidigung. Caruana spielt dagegen ein System, das Grischuk in die Praxis eingeführt hat und gewinnt einen Bauern. Die Stellung bleibt aber brandgefährlich, daher forciert Caruana knapp vor der Zeitkontrolle eine Zugwiederholung. Heute ist in Berlin der zweite Ruhetag. Morgen spielen zum Abschluss der Hinrunde Grischuk-Mamedyarov, Kramnik-Ding, Karjakin-So und Aronian-Caruana. (wk, Foto: FIDE)
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Blog von Stefan Löffler in der Frankfurter Allgemeine
Berichte von Anatol Vitouch in "DerStandard"
Daniel King: Videozusammenfassung der 6. Runde

Die Einzel Europameisterschaft 2018 beginnt heute um 15:00 Ortszeit, das ist 12:00 MEZ, in Batumi wo heuer mit der Schach-Olympiade Ende September ein weiteres Highlight folgen wird. Die EM nehmen 304 Spieler aus 34 Nationen in Angriff, darunter 135 Großmeister und 57 Internationale Meister. Acht Spieler haben eine Elozahl jenseits der 2700. Topgesetzt ist Dmitry Jakovenko (RUS) vor Radoslaw Wojtaszek (POL) und David Navara (CZE). Die weiteren 2700-er sind Vallejo Pons (ESP), Ivanchuk (UKR), Mamedov (AZE) sowie die Russen Matlakov und Dubov. Die Hoffnungen der georgischen Gastgeber ruhen auf Baadur Jobava. Österreich ist mit David Shengelia, Andreas Diermair, Gert Schnider, Felix Blohberger und Martin Christian Huber vertreten. Auf der Turnierseite werden 100 Partien live übertragen. (wk, Foto: Turnierseite)
"Exciting chess", jubeln Judit Polgar und Lawrence Trent, die Kommentatoren der englischen Live-Übertragung, über den bisherigen Verlauf des Kandidatenturniers in Berlin. Zurecht! Die Spieler gehen mit hochgezogenem Visier aufeinander los und produzieren eine fesselnde Partie nach der anderen. Der dramatische Höhepunkt der vierten Runde spielt sich in der Partie Vladimir Kramnik gegen Fabiano Caruana ab, in der es zum Führungswechsel kommen sollte. Nach einer ruhigen russischen Eröffnung übernimmt Caruana nach einer missglückten Umgruppierung von Kramnik mit g5 die Initiative und kommt zu großem Vorteil, der zu einem Figurengewinn führt. Allerdings bekommt Kramnik einen weit vorgerückten Bauern der siebenten Reihe und weitere Freibauern am Damenflügel. Knapp vor der ersten Zeitkontrolle dreht sich die Partie. Caruana verliert mit seinem Springer Zeit wonach Kramniks Bauern den Amerikaner überrollen. Aus einer Vielzahl an guten Möglichkeiten verpasst Kramnik unter Zeitdruck gewinnversprechende Fortsetzungen und das Drama nimmt seinen Lauf. Knapp vor der zweiten Zeitkontrolle passiert dem Russen ein Fehler, der ihn die Partie kostet. Statt Caruana eineinhalb Punkte hinter sich zu lassen, übernimmt der Amerikaner von Kramnik die Führung. Ein "big point", der Caruana zudem mit Selbstvertrauen aufpumpt. Kramnik ist wohl bewußt, welche Chance er hier verpasst hat. Ein wichtiger Sieg gelingt Levon Aronian gegen Sergey Karjakin. Der WM-Herausforderer von 2016 opfert zwei Bauern, erhält aber keine ausreichende Kompensation und ist mit seiner zweiten Weiß-Niederlage so gut wie aus dem Titelkampf. Eine unglaubliche Partie liefern sich Alexander Grischuk und Ding Liren. Grischuk ist bestens vorbereitet und spielt ein Figurenopfer, das der bulgarische Ex-Weltmeister Veselin Topalov in die Praxis eingeführt hat. Nach einem Fehler des Chinesen hat Grischuk einen Zug lang die Chance zu gewinnen, verpasst sie aber. Die Partie steht danach auf des Messers Schneide, Grischuk rettet am Ende gerade noch ein Remis. Shakhriyar Mamedyarov holt auch aus seiner zweiten Weißpartie gegen Wesley So keinen Vorteil aus der Eröffnung und muss sich bald der Punkteteilung fügen. In der heutigen fünften Runde spielen Aronian-Grischuk, Caruana-Karjakin, So-Kramnik und Ding-Mamedyarov. (wk, Foto: FIDE)
Die fünfte Runde des Kandidatenturniers in Berlin bringt erstmals keinen Sieger. In den Partien Caruana-Karjakin, So-Kramnik und Ding-Mamedyarov wurde mit guten Eröffnungsvorbereitungen und exaktem Spiel die Remisbreite nie überschritten. Einer verpassten Chance auf einen zweiten Sieg in Serie muss hingegen Levon Aronian gegen Alexander Grischuk nachtrauern. Beide spielen in einer Benoni-Stellung von Anfang an kompromisslos. Das messerscharfe Spiel führt beiderseits zu Ungenauigkeiten. Als Grischuk erneut in große Zeitnot kommt passiert ihm im 27. Zug ein Fehler, nach dem Judit Polgar und Lawrence Trend in der Live-Kommentierung rasch einen überzeugenden Gewinn für Aronian nachweisen. Die Überraschung ist groß als Aronian verzichtet die Figur mit Schach zu schlagen und sich stattdessen eine Stellung einhandelt in der er genau spielen muss um am Ende wenigstens die Punkteteilung zu sichern. Grischuk meint in der Pressekonferenz diese Partie spiegelt genau den Verlauf seiner gestrigen gegen Ding Liren, als er forciert gewinnen konnte und dann selbst ums Remis kämpfen musste. Aronian war sichtlich deprimiert als ihm der Gewinnweg gezeigt wurde. Der Druck auf die Spieler ist groß. Im Grunde zählt nur der Sieg verbunden mit dem Match gegen Carlsen. Da tut jede verpasste Chance doppelt weh. Heute spielen ab 15:00 Uhr Caruana-Grischuk, So-Aronian, Ding-Karjakin und Mamedyarov-Kramnik. (wk, Foto: FIDE)
Das Feuerwerk in Berlin geht weiter. Mann der Stunde ist Vladimir Kramnik. In der dritten Runde überrascht Levon Aronian den russischen Ex-Weltmeister zwar in der Eröffnung mit seinem ersten Zug e4 läuft aber gegen die Berliner-Verteidigung, sie ist ein Markenzeichen von Kramnik, bereits im 7. Zug in eine phantastische Neuerung. Von da an dürfte Aronian seine Eröffnungswahl bedauert haben. Kramnik kommt zu einem stürmischen Angriff, den er mit einer stilvollen Mattkombination beendet. Eine Glanzpartie von Kramnik. Sie bringt ihm die alleinige Führung mit zweieinhalb Punkten. Ein zweiter Aufreger des Tages war die Partie zwischen Caruana und Mamedyarov. In einem Najdorf-Sizilianer kommt es zu einem spannenden Schlagabtausch. Caruana gewinnt die Qualität, muss dafür aber Bauern geben. Danach spielt sich die Stellung für Mamedyarov leichter, Caruana schafft aber mit genauem Spiel die Punkteteilung. Beide bleiben Kramnik mit nunmehr je zwei Punkten auf den Fersen. Erste ruhigere Remisen gibt es zwischen Wesley So und Ding Liren in einem Marshall Gambit sowie zwischen Sergey Karjakin und Alexander Grischuk in einem Italiener. Heute ist in Berlin ein erster Ruhetag. Die vierte Runde folgt morgen mit den Begegnungen Grischuk-Ding, Mamedyarov-So, Kramnik-Caruana, Karjakin-Aronian. (wk, Foto: FIDE)