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Die FIDE Wahlen sind geschlagen. Nach einem eher strapaziösem Wahltag mit vielen Emotionen setzt sich der amtierende Präsident Kirsan Ilyumshinov klar mit 95 zu 55 Stimmen durch. Anatoly Karpow und Garry Kasparow müssen ihr Ansinnen die Führung der FIDE zu übernehmen zumindest zurückstellen. Ausschlaggebend dürfte der Wunsch nach Kontinuität in der FIDE gewesen sein, auch ist der aggressive Wahlkampf des Karpow-Teams bei den Delegierten offenbar nicht gut angekommen. Untenstehend gibt es unter "Weiterlesen" einen Bericht von Walter Kastner zur FIDE Wahl. (wk)
FIDE Website, Fotogalerie FIDE Wahl


FIDE Wahlen 2010 – Vom Kindergarten ins Kasperl-Theater

Der 81. Kongress der FIDE in Khanty-Mansiysk startet am 29. September mit einem Eklat in der Generalversammlung. Die Delegierten und Beobachter haben kaum Platz genommen als es nach der Begrüßung von Präsident Kirsan Ilyumshinov und einer Gedenkrede von Kurt Jungwirth für den vor kurzem verstorbenen früheren FIDE Präsidenten Campomannes gilt die Wahlschilder der Föderationen zu verteilen und damit die Stimmberechtigungen zu vergeben.

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Der FIDE Kongress beginnt mit...


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... mit der Begrüßung des Präsidenten...

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... und im Gedenken an Verstorbene. Jungwirth ehrt Campomannes

Wie bereits in vergangenen Kongressen erfüllten auch diesmal nicht alle Föderationen die Formerfordernisse und ein Land, Peru, hat darüber hinaus interne Machtkämpfe. Als die ersten Wahlberechtigungen verteilt werden kommt es gleich zu stürmischen Protesten seitens Garry Kasparow. Der Ex-Weltmeister steht voll hinter der Kampagne von Anatoly Karpow und fürchtet bereits hier einen Anschlag auf das Wahlsystem. Die Gruppe ist auch kaum zu beruhigen als festgehalten wird, dass dies ja nicht gleichbedeutend einer Entscheidung über jene Föderationen ist, bei denen die Stimmberechtigung noch geklärt werden muss. Die Einsicht, dass es ein Forum benötigt um überhaupt eine Entscheidung treffen zu können, fehlt aber offenbar.

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Karpows Anwälte notieren eifrig mit...

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und ergreifen rasch die Initiative

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Es dauert nicht lange bis die Emotionen hochschlagen...

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Das Interesse der Medien geht schnell nach hinten...

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Der charismatische Kasparow steht wie immer im Brennpunkt...

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... und kann auch diplomatisch kaum beruhigt werden

Dabei hat tags zuvor eine eingesetzte Kommission unter Vorsitz von Goeffrey Borg und im Beisein je eines Vertreters jeder wahlwerbenden Partie gerade diese Problematik bis spät in die Nacht diskutiert und ihren Vorschlag in der Generalversammlung vorgelegt. Trotzdem bringt die Karpov Gruppe auch zwei Anwältinnen mit und schürt mit deren provokanten Auftretens zusätzlich die Emotionen. Am Ende erhalten alle Personen im Saal mit Beobachterstatus ein Redeverbot, das Wort gehört dann endlich den Präsidenten und Delegierten.

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So unrecht haben die Damen nicht...

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Österreich ist neben Jungwirth auch mit Vizepräsident Robert Zsifkovits vertreten

Die Stimmberechtigungen werden von der Generalversammlung für alle Föderationen bestätigt, so wie dies in allen vorangegangen Sitzungen üblich war. Ein berechtigter Kritikpunkt demokratisch gesinnter Beobachter ist die Frage warum Stimmberechtigungen nicht schon im Vorfeld eindeutig geklärt werden können. Ein Versuch war da, haben die Föderationen doch im Vorfeld Formulare erhalten mit der Aufforderung die Vollmacht ihres Vertreters zu bestätigen. Die Praxis lehrt, dass weitere Verbesserungen nötig sind.

Befremdend wirkt wie Kasparow auf diese Entscheidungen reagiert. Während des Berichts des Präsidenten verlässt er lautstark und demonstrativ den Saal und fordert andere Föderationen auf es ihm gleich zu tun. Ein wenig mehr Sportsgeist und ein zumindest minimaler Respekt vor andersdenkenden Konkurrenten und internen Strukturen würde dem Ansehen des wohl besten Schachspielers aller Zeiten wohl besser stehen. Doch damit nicht genug halten Karpow und Kasparow nur sieben Meter neben dem Rednerpult eine improvisierte Pressekonferenz ab. FIDE Präsident Ilyumshinov hält davon unbeeindruckt weiter seine Rede und verhindert weitere Eskalationen.

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Deutschlands Delegation mit Metzing und Weizsäcker


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Während des Berichts des Präsidenten...

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... inszeniert Kasparow ein paar Meter daneben eine Pressekonferenz

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und sorgt für Tummult und Bewegung in der Presse

In Summe erinnert das ganze schwer an einen Kindergarten, und stellt die berechtigte Frage nach dem größten Kind…

Nach einem kurzen Intermezzo mit einem Bericht des Finanzreferenten geht es in die Wahlen. Beide Kandidaten, Ilyumshinov und Karpow erhalten je 15 Minuten Redezeit. Ilyumshinov nützt seine nur zu einem Bruchteil. Sein Programm und seine Arbeit kenne man, so erklärt er nur kurz seine Motivation und seine Liebe zum Schachsport. Ex-Weltmeister Anatoly Karpow nützt seine Redezeit zur Gänze und stellt ein letztes Mal sein Programm vor.

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Kurz stellt Ilyumshinov seine erneute Kandidatur vor

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Etwas länger spricht Karpow über seine Absichten...

Wer sich dann auf einen unkomplizierten Wahlvorgang freut, wird rasch eines besseren belehrt. Denn nun geht es vom Kindergarten direkt ins Kasperl-Theater. Um möglichen Manipulationen und „Wahlgeschenken“ vorzubeugen dürfen Delegierte ihren Kandidaten nur mit einem besonderen Zeichen (Kreuze sind verboten), einem einzigen Kugelschreiber (persönliche dürfen nicht verwendet werden) in einer der beiden Wahlkabinen wählen. Zudem sind alle persönlichen Dinge wie Handys, elektronische Geräte und Fotoapparate vorher abzugeben. Bezeichnend, dass all diese „Vorschriften“ offenbar von jenen reklamiert wurden, die zuvor so viele Föderationen gedrängt haben sich vorab offen für einen Kandidaten zu deklarieren. Hier kann sich nun jeder selbst seinen Reim darauf machen…

Wozu die ganze Aufregung gut ist bleibt hinter den Kulissen. Vielleicht fehlt das prinzipielle Verständnis, dass eine geheime Wahl ein Recht und keine Pflicht ist.

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Am Ende geht es doch zur Wahl...

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... wenn auch unter etwas seltsam anzuhörenden Formvorschriften

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In den Wahlkabinen sind die Delegierten aber wieder allein...

Die Auszählung der Stimmen bringt einen neuen, alten Präsidenten. Kirsan Ilymshinov kann 95 Stimmen für sich und sein Team verbuchen, Anatoly Karpow muss sich mit 55 zufrieden geben. Das Ergebnis bedeutet, dass der Weltschachbund sein Progamm der letzten Jahre fortsetzen kann. Es zeigt aber auch, dass die Heftigkeit des Wahltages im Grunde unnötig war. Mögen die Verlierer des Tages ihre Niederlage zur Kenntnis nehmen und nicht wieder den Weg zu den Gerichten suchen. Das klare Ergebnis sollte diese Botschaft eindeutig genug präsentiert haben. (wk)


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